Tablet und iPad im Musikunterricht
Wie sinnvoll ist digitales Arbeiten wirklich?
Notenhefte, Kopien, Arbeitsblätter, Fingersätze, Übungen, eigene Arrangements – im Laufe der Zeit sammelt sich im Musikunterricht eine erstaunliche Menge an Material an. Während ich früher viele Noten ausgedruckt, in Ordnern abgelegt und zum Unterricht mitgenommen habe, ist das Tablet inzwischen ein fester Bestandteil meines Unterrichtsalltags geworden..
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, Papier um jeden Preis durch einen Bildschirm zu ersetzen. Gedruckte Noten haben nach wie vor ihre Berechtigung – und gerade bei Kindern finde ich es wichtig, dass sie lernen, selbstverständlich mit einem richtigen Notentext umzugehen.
Ein Tablet kann den Musikunterricht aber an vielen Stellen enorm erleichtern. Richtig eingesetzt ist es kein Spielzeug und auch kein Selbstzweck, sondern ein sehr praktisches Werkzeug.
Warum ein Tablet im Musikunterricht so praktisch ist
Der wahrscheinlich offensichtlichste Vorteil ist die schiere Menge an Material, die man auf einem einzigen Gerät mitnehmen kann.
Wer regelmäßig unterrichtet, kennt das Problem: Man besitzt irgendwann unzählige Notenhefte, Kopien, PDF-Dateien, Arrangements und Unterrichtsmaterialien. Natürlich könnte man all das ausdrucken und in Ordnern sortieren. Praktisch wird das allerdings irgendwann ziemlich unübersichtlich.
Auf meinem iPad habe ich dagegen eine sehr große Notenbibliothek unmittelbar griffbereit. Wenn mir während des Unterrichts einfällt, dass ein bestimmtes Stück, eine Übung oder ein Arrangement gerade hervorragend zu einem Schüler passen würde, muss ich nicht erst einen Ordner suchen oder bis zur nächsten Unterrichtsstunde warten.
Ich kann die entsprechenden Noten direkt öffnen.
Gerade für Lehrkräfte ist das ein riesiger Vorteil: Man kann wesentlich spontaner auf das reagieren, was während einer Unterrichtsstunde passiert.
Vielleicht stellt sich heraus, dass eine bestimmte technische Schwierigkeit noch einmal gezielt geübt werden sollte. Vielleicht braucht ein Schüler spontan ein leichteres Stück. Vielleicht möchte ich etwas aus einem anderen Werk zeigen oder zwei Fassungen miteinander vergleichen.
Mit einer gut gepflegten digitalen Bibliothek dauert das häufig nur wenige Sekunden.
Meine wichtigste App für Noten: forScore
Für die eigentliche Notenverwaltung nutze ich seit vielen Jahren forScore.
forScore ist speziell für Musiker entwickelt worden – und genau das merkt man im Alltag.
Im Gegensatz zu allgemeinen PDF-Apps behandelt forScore eine PDF-Datei nicht einfach nur als Dokument. Die gesamte Bedienung ist darauf ausgelegt, dass auf dem Bildschirm Noten liegen, die tatsächlich beim Üben, Proben oder Unterrichten verwendet werden.
Eine komplette Notenbibliothek auf dem iPad
PDF-Noten können in forScore importiert und anschließend systematisch verwaltet werden. Statt sich durch zahllose Ordner und kryptische Dateinamen zu arbeiten, lässt sich eine richtige Musikbibliothek aufbauen.
Stücke können beispielsweise nach Komponisten, Genres, Schlagwörtern oder anderen Kriterien organisiert werden. Dadurch findet man auch in einer großen Sammlung sehr schnell das gesuchte Material.
Für mich ist das einer der größten Vorteile überhaupt.
Wenn man nur zehn oder zwanzig PDF-Dateien besitzt, kann man diese natürlich auch einfach über die normale Dateiverwaltung öffnen. Bei einer über Jahre gewachsenen Notensammlung sieht die Sache ganz anders aus. Dann entscheidet eine gute Verwaltung darüber, ob eine digitale Bibliothek tatsächlich praktisch ist – oder nur zu einem digitalen Papierhaufen wird.
Setlists für Unterricht, Konzerte und Projekte
Besonders praktisch finde ich die Möglichkeit, Setlists anzulegen.
Damit lassen sich Stücke für einen bestimmten Zweck zusammenstellen, ohne die eigentlichen Dateien duplizieren zu müssen.
Das kann beispielsweise eine Konzertreihenfolge sein, ein bestimmtes Unterrichtsprojekt, ein Workshop oder einfach eine Sammlung von Stücken, an denen momentan gearbeitet wird.
Für Musiker ist das wesentlich logischer als eine klassische Ordnerstruktur: Ein Stück kann schließlich gleichzeitig zum Repertoire eines Schülers, zu einem Konzertprogramm und zu einer bestimmten stilistischen Sammlung gehören.
Direkt in die Noten schreiben
Natürlich kann man in forScore auch direkt in den Notentext schreiben und zeichnen.
Mit einem Apple Pencil fühlt sich das inzwischen erstaunlich natürlich an. Fingersätze, Dynamik, Artikulation, harmonische Analyse, Formteile, Fingersatzänderungen oder kleine Erinnerungen können unmittelbar in den Noten ergänzt werden.
Das ist gerade im Unterricht praktisch.
Ich kann beispielsweise eine Stelle markieren, einen Fingersatz eintragen oder bestimmte Stimmen hervorheben, ohne dafür erst eine Kopie anfertigen zu müssen.
Auch Stempel und verschiedene Annotationswerkzeuge können dafür verwendet werden.
Mehrere Fassungen eines Stückes verwalten
Im Unterricht passiert es häufig, dass von einem Stück unterschiedliche Versionen existieren: eine Originalfassung, ein leichteres Arrangement, eine vierhändige Fassung oder eine eigene Bearbeitung.
Auch hier ist eine digitale Verwaltung sehr angenehm. Statt mehrere Notenhefte oder Ausdrucke bereitzuhalten, kann ich zwischen den entsprechenden Dateien wechseln und verschiedene Fassungen direkt miteinander vergleichen.
Seiten organisieren, ergänzen und korrigieren
Ein weiterer praktischer Punkt: Digitale Noten müssen nicht für immer so bleiben, wie sie ursprünglich importiert wurden.
Seiten können organisiert und je nach Ausgangsmaterial entsprechend bearbeitet werden. Das ist beispielsweise hilfreich, wenn ein Scan eine überflüssige Titelseite enthält oder verschiedene Teile sinnvoll zusammengeführt werden sollen.
Gerade wer ältere Notenbestände digitalisiert oder Noten aus unterschiedlichen Quellen verwendet, wird diese Möglichkeiten schnell zu schätzen wissen.
Seitenwechsel ohne Blättern
Beim tatsächlichen Spielen zeigt sich ein weiterer Vorteil des Tablets: das Umblättern.
Ein Fingertipp oder eine Wischbewegung reicht zum Seitenwechsel. Noch komfortabler wird es mit einem Bluetooth-Pedal, mit dem sich die Seiten mit dem Fuß weiterschalten lassen. Hierzu nutze ich PageFlip.
Damit entfällt das klassische Problem, mitten im Stück irgendwie eine Hand zum Umblättern freibekommen zu müssen.
Gerade bei längeren Werken, Begleitungen oder Konzerten kann das ausgesprochen angenehm sein.
Metronom und weitere Musiker-Werkzeuge
forScore bietet darüber hinaus Funktionen, die speziell für die musikalische Arbeit gedacht sind. Dazu gehören unter anderem Werkzeuge rund um Tempo, Wiedergabe und die Organisation des Repertoires.
Natürlich ersetzt eine App nicht automatisch ein gutes Metronom, musikalisches Verständnis oder sinnvolles Üben. Aber es ist praktisch, viele der benötigten Werkzeuge direkt dort zur Verfügung zu haben, wo auch die Noten liegen.
Große Notensammlungen durchsuchen
Je größer die eigene Bibliothek wird, desto wichtiger wird die Suchfunktion.
Anstatt zu überlegen:
„In welchem Ordner hatte ich dieses Stück noch einmal?“
kann ich gezielt nach dem entsprechenden Titel, Komponisten oder den von mir hinterlegten Informationen suchen.
Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Wer jedoch regelmäßig viele Schüler unterrichtet und mit entsprechend viel Repertoire arbeitet, spart dadurch über Wochen und Monate erstaunlich viel Zeit.
Und was kostet forScore heute?
Ich selbst habe forScore damals als Vollversion gekauft und nutze es bis heute. Inzwischen gibt es zusätzlich ein optionales Modell namens forScore Pro, das weitere Funktionen freischaltet.
Wichtig ist jedoch: Die normale forScore-App wird weiterhin als Einmalkauf angeboten. Ein laufendes Pro-Abonnement ist für die reguläre Nutzung nicht notwendig.
Da sich Preise und App-Modelle ändern können, würde ich vor dem Kauf trotzdem immer direkt im App Store bzw. beim Anbieter nach dem aktuellen Preis und Funktionsumfang schauen.
Goodnotes und Notability – wenn es nicht nur um Musiknoten geht
Neben einer spezialisierten Noten-App finde ich allgemeine PDF- und Notiz-Apps ausgesprochen hilfreich.
Hier nutze bzw. empfehle ich vor allem Goodnotes und Notability.
Der Unterschied zu forScore liegt für mich vor allem im Einsatzzweck.
forScore ist meine spezialisierte Notenbibliothek. Goodnotes und Notability sind eher digitale Ordner, Notizbücher und Arbeitsmappen.
Dort können beispielsweise Arbeitsblätter, musiktheoretische Erklärungen, Unterrichtsunterlagen, eigene Notizen oder andere PDF-Dokumente abgelegt und bearbeitet werden.
Gerade mit einem Eingabestift wird ein Tablet dadurch zu einer Mischung aus Ordner, Collegeblock, Arbeitsblatt und Whiteboard.
Ich kann auf ein PDF schreiben, etwas einkreisen, farbig markieren, zusätzliche Seiten anlegen oder spontan etwas für einen Schüler notieren.
Das ist besonders hilfreich, wenn es nicht ausschließlich um einen fertigen Notentext geht.
Wann nehme ich welche App?
Für mich lässt sich die Aufteilung relativ einfach zusammenfassen:
Musiknoten und Repertoire → forScore
Hier möchte ich Stücke schnell finden, Repertoire organisieren, in Noten schreiben und die Dateien tatsächlich am Instrument verwenden.
Arbeitsblätter, Notizen und allgemeine PDFs → Goodnotes oder Notability
Hier steht nicht das Musikstück selbst im Mittelpunkt, sondern das Dokument und die Möglichkeit, damit zu arbeiten.
Natürlich überschneiden sich die Funktionen teilweise. Auch in Goodnotes kann man eine Noten-PDF öffnen und beschriften. Und natürlich kann man in forScore ebenfalls Notizen in seine Noten schreiben.
Der Unterschied liegt weniger darin, was technisch irgendwie möglich ist, sondern darin, wofür die jeweilige App konzipiert wurde.
Und genau deshalb bevorzuge ich für eine große Musikbibliothek eine spezialisierte Anwendung wie forScore.
Besonders praktisch im Unterricht: spontane Erklärungen
Ein Tablet kann aber noch etwas anderes sehr gut: Es bietet eine leere Fläche, sobald man sie braucht.
Wenn ich beispielsweise einen Akkord erklären möchte, kann ich ihn schnell aufschreiben. Ich kann einen Takt notieren, Intervalle einzeichnen, einen Fingersatz erklären oder ein harmonisches Schema darstellen.
Das ist im Grunde eine digitale Tafel direkt am Klavier.
Und im Gegensatz zu einer echten Tafel kann das Ergebnis anschließend gespeichert oder als PDF weitergegeben werden.
Muss deshalb jeder Klavierschüler ein iPad besitzen?
Nein.
Ich halte ein Tablet für ein hervorragendes Werkzeug, aber nicht für eine Voraussetzung für guten Musikunterricht.
Gerade bei jüngeren Kindern finde ich gedruckte Noten weiterhin sinnvoll. Ein Notenheft hat keine Push-Nachrichten, keinen Browser, keine Spiele und keinen leuchtenden Home-Bildschirm. Man schlägt es auf – und dort sind die Noten.
Diese Einfachheit hat durchaus einen pädagogischen Wert.
Außerdem muss auch das Lesen und Orientieren in einem physischen Notenheft gelernt werden. Ich würde deshalb nicht versuchen, Papier vollständig aus dem Musikunterricht zu verbannen.
Tablet und Papier müssen keine Konkurrenten sein
Für mich ist deshalb die Kombination entscheidend.
Es gibt Situationen, in denen ich ganz bewusst mit gedruckten Noten arbeite. Und es gibt Situationen, in denen ich sehr froh bin, innerhalb weniger Sekunden auf eine riesige digitale Bibliothek zugreifen zu können.
Ein Tablet sollte nicht eingesetzt werden, weil es moderner aussieht.
Es sollte eingesetzt werden, wenn es einen konkreten Vorteil bietet.
Und davon gibt es im Musikunterricht erstaunlich viele.
Mein Fazit
Ein iPad oder Tablet kann den Musikunterricht erheblich vereinfachen – insbesondere für Musiklehrerinnen und Musiklehrer, die mit einer großen Menge an Noten und Unterrichtsmaterial arbeiten.
Mein persönlicher Favorit für Musiknoten ist nach wie vor forScore. Die App ist nicht einfach nur ein PDF-Reader, sondern eine auf Musiker zugeschnittene Notenverwaltung. Besonders bei einer großen Bibliothek machen Funktionen wie Katalogisierung, Setlists, Annotationen und die schnelle Navigation einen deutlichen Unterschied.
Für allgemeine PDFs, Unterrichtsunterlagen und handschriftliche Notizen finde ich Goodnotes und Notability wiederum sehr praktisch.
Am Ende ersetzt das Tablet weder ein gutes Notenheft noch einen guten Unterricht.
Aber es kann dafür sorgen, dass man deutlich weniger Zeit mit Suchen, Sortieren, Drucken und Papierverwaltung verbringt – und mehr Zeit für das hat, worum es eigentlich geht:
Musik machen.